In der letzten Augustwoche gestalteten die beiden Künstler Tomáš Starý und Magdaléna Ševčík ein neues Wandgemälde in der Bogenlunette der U6-Hochbahn. Das Gemälde befindet sich im sechsten Wiener Gemeindebezirk, in der Nähe der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße.
Das sogenannte „site-specific“ Wandgemälde hat eine ungefähre Größe von 9 x 4,5 Metern. Die Künstler malten es ohne den Einsatz von Projektion oder Hebebühne, unter Verwendung einer Kombination aus zwei Techniken – Spray, Pinsel und Acrylfarben. Mit dem Mural zollen sie der Jugendstilgeschichte der Stadt Tribut und tragen durch ihren Eingriff in den öffentlichen Raum dazu bei, die Umgebung des Kunstwerks zu einem lebenswerteren Ort zu machen.
Wir haben dem Künstlerpaar ein paar Fragen gestellt.
Welche Botschaft trägt euer fertiges Wandgemälde?
Magdaléna: Dass zeitgenössische Malerei und der Stil des Art déco auch nach mehr als einem Jahrhundert perfekt koexistieren können. Die Idee ist, dass man nur die Augen schließen muss – und schon wird man in die Zeit von Klimt, Mahler oder Wagner versetzt, auch wenn die heutige Realität der Stadt eine ganz andere ist.
Tomáš: Mich stört es nicht, wenn die Interpretation dem Betrachter selbst überlassen wird – so wird er auf seine eigene Weise zum Mitautor des Werkes.
Habt ihr Reaktionen von Passanten bemerkt?
Tomáš: In den letzten Tagen schon… Meine Maltechnik hat nämlich die Besonderheit, dass man lange Zeit überhaupt nicht erkennt, worauf ich hinauswill und wie das Endergebnis aussehen wird. Doch am Schluss gab es viele lobende Worte.
Magdaléna: Bei mir war es ähnlich. In den letzten Tagen haben die Leute ihre Scheu abgelegt. Es war schön zu beobachten, dass einige Passanten sogar gekommen sind, um die Wolken zu berühren… so realistisch wirkten sie auf sie.
Welche unerwarteten Herausforderungen habt ihr während der Entstehung erlebt – thematischer oder technischer Natur?
Tomáš: Obwohl es auf den ersten Blick nicht so wirkt, ist die Wand sehr komplex (Teile mit Glasbausteinen, technische Elemente, Eingang zum Gebäude). Wir haben lange über das Konzept der Wand diskutiert. Wir wollten diese Elemente bestmöglich in das Gemälde integrieren – und das ist uns gelungen.
Magdaléna: Für mich war die größte Herausforderung, mit dem Straßenlärm umzugehen und trotz des endlosen Verkehrs und der dröhnenden U-Bahn in einem kreativen Zustand zu bleiben. Nach einigen Arbeitstagen wurde das ziemlich anstrengend.
Wodurch zeichnet sich eure Arbeit aus?
Magdaléna: Für mich ist sie einzigartig durch die Verbindung von Stilen – nicht nur unseren eigenen künstlerischen Handschriften, sondern auch Jugendstil mit Postmoderne. Zusammen mit Tomáš schaffen wir eine persönliche Mischung von Ausdrucksweisen, die ihresgleichen sucht.
Tomáš: Letztes Jahr beim Street-Art-Festival in Lublin bekamen wir das Feedback, dass es eigentlich „cool“ sei, das traditionelle Medium der Leinwandmalerei mit Elementen klassischer Graffiti zu verbinden. Kontrast, aber auch Harmonie.
Wir danken unseren Partnern, dem Tschechischen Zentrum Wien und dem Kulturclub Kunstbogen, herzlich für die Möglichkeit, das Wandgemälde zu realisieren!
Tomáš Starý (*1994) ist ein tschechischer visueller Künstler und Grafikdesigner, der freiberuflich tätig ist. 2020 schloss er die Fakultät für Design und Kunst Ladislav Sutnar an der Westböhmischen Universität in Pilsen ab, wo er sich auf Produkt- und Industriedesign konzentrierte. Regelmäßig nimmt er an renommierten internationalen Graffiti-Festivals im Ausland teil.
In seiner Arbeit bewegt er sich an der Schnittstelle von Typografie und Graffiti, wobei seine Werke durch ein feines Gespür für Form, Komposition und Farbdisziplin hervorstechen. Sein Stil zeichnet sich durch durchdachten Minimalismus aus, der nicht nur seine künstlerische Herangehensweise, sondern auch seine persönliche Lebensphilosophie widerspiegelt. Tomáš’ Arbeiten tragen die Handschrift urbaner Ästhetik und zeigen gleichzeitig ein tiefes Verständnis für Designprinzipien, die er mit Leichtigkeit und Originalität überschreitet.
Magdaléna Ševčík (*1988) ist eine professionelle abstrakte Malerin und gehört zu den Vertretern der jungen tschechischen abstrakten Malerei. Ihre Werke wurden in Tschechien, Deutschland, der Slowakei, den Niederlanden, Großbritannien und Japan ausgestellt.
Ihr Interesse gilt dem Thema menschlicher Geist und dessen Darstellung durch Wahrnehmung, die sie in großformatigen Bildern, verspielten Installationen und Wandmalereien interpretiert und erforscht. Ihre Gemälde untersuchen die verborgenen Fähigkeiten und Grenzen des menschlichen Gehirns in Bezug auf Gedächtnis, Selbstkontrolle und Regulation. Ševčíková arbeitet mit Acrylfarben. Sie wählt stets eine bestimmte Farbpalette aus und untersucht, wie sich die Töne miteinander vermischen und überlagern und wie sie das ausdrücken, was sich nicht in Worte fassen lässt.