A Speech to Europe 2026 | Anne Applebaum über „The European Moment"

20. 5. 2026
A Speech to Europe 2026 | Anne Applebaum über „The European Moment

Anne Applebaum behauptet in ihrer Rede „A Speech to Europe 2026: The European Moment“, dass Europa an einem historischen Scheideweg stehe, der ebenso bedeutsam sei wie das Jahr 1989. Ihrer Ansicht nach geht es heute nicht nur um Wirtschaft oder Geopolitik, sondern um das Überleben der liberalen Demokratie und des europäischen Projekts an sich.

Der Kerngedanke 

Anne Applebaum erinnert daran, dass das Nachkriegseuropa nicht „von selbst“ entstanden ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Europäer bewusst ein System von Institutionen aufgebaut – die Europäische Union, den Rechtsstaat, die Zusammenarbeit zwischen den Staaten und den Schutz der Menschenrechte, um die Rückkehr von Nationalismus, Imperialismus und Krieg zu verhindern. Das Ergebnis ist ihrer Meinung nach die erfolgreichste Periode der europäischen Geschichte: Der Kontinent ist reicher, sicherer und freier als je zuvor. 

Doch gerade dieser Erfolg führte zu der gefährlichen Illusion, dass Demokratie und Frieden selbstverständlich seien. Die Menschen begannen, die europäischen Institutionen nur noch als „Bürokratie“ wahrzunehmen und vergaßen, warum sie überhaupt entstanden waren. 

Die Rückkehr alter Ideologien 

Ein großer Teil der Rede warnt vor der Rückkehr von Ideen, die Europa aus dem 20. Jahrhundert kennt. Applebaum weist darauf hin, dass in Europa und den USA wieder zunimmt: 

  • die Verachtung der parlamentarischen Demokratie, 

  • ethnischer Nationalismus, 

  • Autoritarismus, 

  • die Politik der Spaltung der Gesellschaft in „Freunde“ und „Feinde“, 

  • die Vorstellung, dass Macht wichtiger ist als Recht. 

Sie erinnert daran, dass sowohl Faschisten als auch Kommunisten in den 1930er Jahren eine ähnliche Sprache verwendeten. Sie verweist beispielsweise auf Lenin oder Hitler, die die parlamentarische Demokratie als schwach und degeneriert bezeichneten. Ihrer Ansicht nach kehren diese Ideen heute in moderner Form zurück. 

Russland als Angriff auf die europäische Ordnung

Einen wesentlichen Teil ihrer Rede widmet sie Russland und dem Krieg gegen die Ukraine. Sie behauptet, es gehe nicht nur um einen Territorialstreit, sondern um den Versuch, das auf der Nachkriegsordnung Europas basierende System zu zerstören, wonach Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden dürfen. Ihrer Ansicht nach greift Russland nicht nur die Ukraine an, sondern auch die Idee Europas als Raum des Rechts und der Zusammenarbeit.

Gleichzeitig weist sie auf den hybriden Krieg hin – Propaganda, Cyberangriffe und die Unterstützung extremistischer Bewegungen –, dessen Ziel es ist, Europa zu spalten und die EU zu schwächen.

Kritik an Trumps Amerika

Der umstrittenste Teil der Rede richtet sich gegen die Regierung von Donald Trump. Applebaum behauptet, dass sich die USA unter Trump nicht mehr wie ein Garant der liberalen Demokratie verhalten und sich immer mehr der autoritären Welt annähern. Sie kritisiert Angriffe auf Verbündete, Zölle gegen Europa sowie die angebliche Sympathie eines Teils der Regierung für illiberale Politiker in Europa.

Sie erwähnt auch Reden amerikanischer Politiker, die ihrer Meinung nach den „Westen“ nicht durch die Werte von Demokratie und Freiheit definieren, sondern durch ethnische und kulturelle Identität – „Blut, Boden und Vergangenheit“. Dies betrachtet sie als gefährliche Entwicklung in Richtung Nationalismus. 

Was ist die wahre europäische Zivilisation? 

Applebaum lehnt die romantische Vorstellung von Europa als einer Ansammlung von Kathedralen, Museen und historischen Denkmälern ab. Sie behauptet, das wahre europäische Erbe bestehe aus: 

  • Rechtsstaatlichkeit, 

  • unabhängigen Gerichten, 

  • Meinungsfreiheit, 

  • Pluralismus, 

  • der Möglichkeit, 

  • die Regierung gewaltfrei zu wechseln, 

  • dem Schutz von Minderheiten und des Einzelnen. 

Ihrer Meinung nach kann niemand „die europäische Zivilisation verteidigen“, wenn er gleichzeitig die demokratischen Institutionen angreift, die diese Zivilisation erst ermöglichen.

Europa als neue Alternative 

Trotz der scharfen Kritik ist der Schluss der Rede überraschend optimistisch. Applebaum behauptet, dass die derzeitige Instabilität eine Chance für Europa sein kann. Während die USA ihrer Meinung nach Wissenschaftler, Investoren und Verbündete abschrecken und Russland einen zerstörerischen Krieg führt, bietet Europa nach wie vor:

  • Stabilität, 

  • Rechtssicherheit, 

  • Respekt vor der Wissenschaft, 

  • kulturelle Offenheit, 

  • Vorhersehbarkeit. 

 Europa sollte daher mehr investieren in: 

  • Verteidigungstechnologien, 

  • europäische soziale Netzwerke, 

  • digitale Souveränität, 

  • den Kapitalmarkt, 

  • technologische Unabhängigkeit. 

Souveränität bedeute ihrer Ansicht nach nicht mehr nur Armee und Grenzen, sondern auch die Kontrolle über Daten, Technologien und den Informationsraum. 

Fazit 

Die gesamte Rede ist zugleich Warnung und Aufruf. Applebaum sagt, dass Europa selbst sowohl die schlimmsten Ideologien der modernen Geschichte als auch die Ideen der liberalen Demokratie geschaffen habe. Heute muss es sich entscheiden, zu welchem Erbe es zurückkehren will. Ihrer Ansicht nach ist Europa nicht dazu verdammt, in eine Welt zurückzukehren, in der allein die Macht entscheidet. Es hat die Möglichkeit, Demokratie, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit erneut zu verteidigen – und genau darin könnte seine historische Rolle im 21. Jahrhundert liegen.

Das vollständige Transkript der Rede in englischer und deutscher Sprache finden Sie hier

  • Anne Applebaum (*1964), mit vollem Namen Anne Elizabeth Applebaum, ist eine US-amerikanische Journalistin, Historikerin und Schriftstellerin. In ihren Büchern beschäftigt sie sich mit Themen wie der Geschichte des Kommunismus oder der gesellschaftlichen Entwicklung in Mittel- und Osteuropa. Im Jahr 2004 erhielt sie den Pulitzer-Preis in der Kategorie Sachbuch für ihr Buch „Gulag: A History“. Im Jahr 2013 wurde sie polnische Staatsbürgerin. 

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