Geschichte: Der kleine Maulwurf zu Besuch

25. 6. 2021
(c) Nella Nitrová

Im Tschechischen Zentrum Wien hatten wir einen edlen Besuch. Eines Tages klopfte der kleine Maulwurf an unsere Tür und brachte auch seinen Freund den Hasen mit. Das Klopfen hatten wir leider wegen seines Plüschpfötchens nicht gehört, also haben wir ihm die Tür nicht geöffnet. Aber er wäre ja keine echte Märchenfigur, wenn er nicht plötzlich im offenen Fenster unseres schönen Gebäudes auftauchen würde. Welch wichtige Nachricht kam er uns und den in der Straße vorbeigehenden Leuten denn mitzuteilen?

Wir gingen hinaus vor das Gebäude und erblickten die beiden ikonischen tschechischen Tierchen im Fenster. Zuerst dachten wir, dass sie sich dort nur sonnten und den Blick in die Herrengasse genössen. Ich war gerade dabei Luft zu holen, um ihnen zuzurufen, ob sie einen Kaffee, Saft oder etwa Gummiwürmer wollten, als sodann allerdings ein zartes, piepsendes Räuspern ertönte.

„Hallooo“, hörte ich ein liebliches Stimmchen. „Hallo, halloo, wir sind hergekommen euch etwas zu sagen.“

„Pssst, seid leise, ich glaube, der kleine Maulwurf spricht gerade und möchte uns wahrscheinlich etwas sagen“, sagte eine der Kolleginnen. Sie blickte mehrmals umher, schaute uns Kollegen und die vorbeigehenden Menschen an und hielt sich ihren Zeigefinger vor den Mund.

„Hallo, Freunde, ich bin der kleine Maulwurf und das hier ist mein Freund der Hase. Wir waren auf einem Spaziergang, gerade reisen wir durch Europa, und da haben wir über eurer Tür die Flagge mit blauem Dreieck und rotem und weißem Feld gesehen. Das ist genau so eine, die unsere Heimat kennzeichnet, die Tschechische Republik. Und so haben wir uns gedacht, dass ihr uns vielleicht kennt und dass euch interessiert, warum das heurige Jahr bedeutend für uns ist.“  

Ich blickte um mich herum. Ein paar von uns hatten sich in einem kleinen Trupp unter dem Fenster versammelt. Die Leute standen mit zurückgelegtem Kopf da und blinzelten zum kleinen Maulwurf hinauf. Einige hatten ihren Mund geöffnet, andere grinsten von einem Ohr zum anderen mit ihrer Hand auf die Stirn gelegt, damit die Sonne nicht in ihre Augen scheinen mochte.

Geschichte: Der kleine Maulwurf zu Besuch

„Wisst ihr, gezeichnet hat uns ein Mann“, setzte der kleine Maulwurf fort. „Er hieß Zdeněk Miler. Ich, der Hase und weitere unserer gezeichneten Freunde vermissen ihn und wir wollten euch an ihn erinnern. Dieses Jahr sind nämlich genau 100 Jahre vergangen seit dem Jahr 1921, in dem Zdeněk Miler geboren wurde, und zugleich 10 Jahre seit dem Jahr 2011, in dem er gestorben ist. Also vergesst uns und ihn nicht, verbreitet unser Märchen weiter und erzählt davon an weiteren Orten, auch dort, wo sie keine Flagge mit blauem Dreieck und rotem und weißem Feld haben. Ich muss jetzt zusammen mit dem Hasen ins Märchen zurückkehren, die Kinder warten schon auf uns und meine Freunde halten auch schon eine neue Hose mit Taschen für mich bereit!“

Kaum hatte er das gesagt, begann das Haus durch die beiden Märchenfiguren hindurchzuscheinen. Zuerst nur ganz leicht, aber dann immer mehr. Man konnte den kleinen Maulwurf und den Hasen fast nicht mehr sehen, bis sie schließlich ganz verschwunden waren. Wir hatten nicht einmal geschafft, ihnen noch irgendetwas zu sagen, aber das machte nichts. Dank ihres Besuches waren wir uns bewusst geworden, dass das Jahr 2021 für den kleinen Maulwurf und seine Freunde gleich zwei runde Jahrestage darstellte.

Textautorin: Nella Nitrová

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