Interview mit Schriftsteller Stanislav Struhar

5. 7. 2021
©ORF

Stanislav Struhar ist ein österreichischer Schriftsteller tschechischer Abstammung, der in seinem literarischen Werk häufig und die Frage nach der Suche einer Heimat zum Thema macht. Im Jahr 1988 emigrierte er aus der Tschechischen Republik nach Österreich, nämlich nach Wien, wo er dann später auch beruflich tätig wurde. Stanislav Struhars literarisches Werk ist vor allem lyrisch, der Autor widmet sich aber auch der Prosa. Für seine Bücher sind die Erinnerungsretrospektive, der Dialog zwischen den Kulturen sowie das Streben nach Toleranz, Verständnis und Frieden typisch.

Guten Tag, Herr Struhar, herzlich willkommen im Tschechischen Zentrum Wien, wo wir das Interview aufnehmen. Im Jahr 1988 sind Sie aus der damals noch sozialistischen Tschechischen Republik zugezogen. Was war der Grund dafür?

Zunächst möchte ich erwähnen, dass ich in der damaligen Tschechoslowakei schon als Achtzehnjähriger Polizeiverhör und danach auch Schikanen durch Angehörige der sogenannten Öffentlichen Sicherheit ausgesetzt gewesen bin. Ich habe am Rande der Gesellschaft im Underground unter einer Reihe verschiedener Systemgegner*innen gelebt – Künstler*innen, Intellektuellen und Unterzeichner*innen der Charta 77. Nachdem ich zweimal in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Heilanstalt eingesperrt worden war und die Diagnose erhalten hatte, die mich für fast unmündig erklärte, habe ich mich zusammen mit meiner Frau zur sofortigen und raschen Flucht entschieden. Die Flucht war schwer und gefährlich. Wir sind über die Grenze geflohen, die von bewaffneten Soldaten überwacht wurde. Die Flucht hat einige Tage gedauert und als wir ganz erschöpft ins Flüchtlingscamp Traiskirchen hier in Österreich gelangt sind, wurde uns mitgeteilt, dass das Rote Kreuz in diesem Jahr nicht mit der Tschechoslowakei kooperiere. Das war ein Schock für uns, denn in der Tschechoslowakei hatte unser dreijähriger Sohn zurückbleiben müssen. Unser Sohn war bei den Großeltern meiner Frau geblieben, in einer Umgebung, die ihm zutiefst vertraut war. Und wir haben gehofft, dass uns das Rote Kreuz helfen würde, nachdem sie sich damals um Familienzusammenführungen kümmerten. Wir haben mithilfe mehrerer Organisationen, damals auch mithilfe des Außenministeriums der Republik Österreich, um die Zusammenführung gekämpft, aber das die tschechoslowakische Ausreisebehörde hat unseren Sohn zurückgehalten, weshalb haben wir ihn erst zwanzig Monate später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wiedergesehen haben. Die Tschechische Republik wurde zu einem freien Land, trotzdem habe ich es abgelehnt hinzufahren. Ich bin erst neun Jahre später zur Beerdigung meines Vaters  zum ersten Mal wieder dort gewesen.

Haben Sie das als Unrecht Ihres Geburtslandes wahrgenommen?

Mich hat es enttäuscht. Ich frage mich: Welchen Grund hatten die tschechischen Behörden, mein dreijähriges Kind zurückzuhalten?

Warum haben Sie sich gerade Österreich und Wien ausgesucht?

Zu der Entscheidung ist es gerade auf der Flucht gekommen, nachdem Österreich an die Tschechischen Republik grenzt und weil Österreich für uns das ideale Land war, um unseren Sohn wiederzugewinnen.

Ihre ersten Bücher sind auf Tschechisch verfasst. Wann haben Sie sich entschlossen, auf Deutsch zu schreiben?

Hier in Wien habe ich weiterhin geschrieben, und zwar auf Tschechisch. Meine Texte waren mit meiner neuen Heimat verbunden, wo es jedoch fast unmöglich war, sie zu veröffentlichen. Ungefähr um das Jahr 2000 habe ich deshalb widerwillig die Sprache gewechselt und angefangen, auf Deutsch zu schreiben. Ich hatte selbstverständlich Angst vor diesem Schritt und dazu hat mir die deutsche Sprache nicht gefallen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich in dieser Sprache literarische Texte schreiben oder damit kreativ arbeiten sollte, aber dank der intensiven Lektüre deutschsprachiger Literatur und dank der intensiven Arbeit mit der Sprache hat Deutsch angefangen, mich für sich zu gewinnen und mir ans Herz zu wachsen. Ich habe bald angefangen, beim Schreiben auf Deutsch zu denken und zu fühlen. Ich habe von früh bis spät mit Deutsch gearbeitet und das hat mich gelernt, mit der Sprache bewusst und gründlicher zu arbeiten, als ich es mit meiner Muttersprache gemacht hatte. Auf Tschechisch habe ich automatisch geschrieben.

Sind Sie dazu gekommen, lieber auf Deutsch als auf Tschechisch zu schreiben?

Ja, Deutsch steht bei mir im Vordergrund, Tschechisch im Hintergrund, deshalb bin ich auf die Hilfe der Übersetzer angewiesen, wenn meine deutschsprachigen Texte ins Tschechische übersetzt werden. Ich habe den Vorteil, dass ich diese Texte lesen kann, aber trotzdem bin ich allen Übersetzer*innen unermesslich dankbar dafür, dass Sie sich meiner Texte annehmen. Ich schätze ihre Arbeit und auch sie als Menschen.

Durch viele Ihrer Bücher zieht sich das Thema „Fremdsein“. Identifizieren Sie sich mit Ihren Figuren?

Ja, mit einigen schon und außerdem habe ich mich immer mit Themen beschäftigt, die mir nahestehen und in denen ich meine eigenen Erfahrungen hinterlassen, bei denen ich offen schreiben kann. Fremdsein habe ich erlebt und erlebe es immer noch. Ich bin davon umgeben, denn viele Menschen erleben es. Ich lebe in einer multikulturellen und modernen demokratischen Gesellschaft, deshalb denke ich nicht, dass ich gerade Fremdsein in meinen Texten übergehen oder absichtlich ignorieren sollte.

Haben Sie das Gefühl, dass Fremdsein ein großes Thema heutzutage ist?

Es gibt viele Autoren, die sich diesem Thema widmen. Es handelt sich nicht nur um Autoren, die diese Erfahrung hatten, sondern auch um solche, die das reale Leben aus demokratischer Sicht betrachten. Wie gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Literatur schreiben könnte, die gerade dieses Thema überginge.

Die Erzählsammlung Farben der Zukunft sind schon Ihr zwölftes Buch auf Deutsch. Könnten Sie bitte kurz das zentrale Thema darin vorstellen?

Das Buch Farben der Zukunft ist der zweite Teil einer prosaischen Trilogie – Farben der Vergangenheit, Farben der Zukunft, Farben der Gegenwart. Jedes dieser Bücher besteht aus drei Erzählungen, die ganz unterschiedlich sind untereinander, aber die gerade durch die Menge an Farben und Melodien, die Vielzahl an Sprachen, Kulturen und Nationalitäten miteinander vereint werden. Der zweite Teil, also das aktuelle Buch, Farben der Zukunft, könnte auch den Titel „Wiener Erzählungen“ tragen, denn er ist im Gegensatz zum ersten oder dritten Teil ganz mit Wien verbunden. Mit Wiener Parks, Wiener Gärten. Die Geschichten der Protagonisten spielen sich vor der Kulisse bedeutsamer Wiener Orte ab. Zwei Erzählungen befassen sich mit den „Wiener Tschechen“ und ich habe bisher noch nie so viel und intensiv über die Wiener Tschechen geschrieben wie gerade in diesem Buch.

Kennen Sie jemanden (von den Wiener Tschechen), der als Inspiration für die Figuren in Ihren Büchern gedient hat?

Natürlich. Ich schöpfe aus meinen eigenen Erfahrungen und verwende nur Menschen, die ich persönlich kenne oder getroffen habe. Auch bei der Erschaffung des literarischen Stoffs schöpfe ich also nur von denjenigen, mit denen ich etwas zu tun gehabt habe.

https://soundcloud.com/user-279815505/die-leseprobe-1-aus-dem-buch

In der Erzählung Die Reinheit der Farben erzählen Sie die Geschichte von Ayana, die aus Äthiopien stammt und auf der Suche nach der eigenen Identität ist. In einem der Dialoge fragt Ayana: „Bist du ein echter Wiener?“ Wer ist Ihrer Meinung nach ein echter Wiener?

Ein echter Wiener kann zum Beispiel ein Mensch mit einem eingedeutschten oder nicht eingedeutschten tschechischen Namen sein. Es können auch Menschen mit verschiedenen slawischen Namen, Menschen mit türkischen Namen oder Menschen verschiedener Hautfarbe sein. Meine Protagonistin Ayana hat eine dunkle Hautfarbe, ihre Muttersprache ist Deutsch. Sie ist in Wien geboren und kennt kein anderes Land als Österreich. Ich möchte noch gerne eine weitere kurze Leseprobe verraten:

https://soundcloud.com/user-279815505/die-leseprobe-2-aus-dem-buch-farben-der-zukunft-von-stanislav-struhar

In der Erzählung All die schönen Farben erzählen Sie von einem Opa, der aus Tschechien stammt, aber in seinem Schaffen spiegelt sich das Herz eines Wieners. Denken Sie, dass ein Mensch Tscheche bleiben, aber trotzdem zu einem Wiener oder Österreicher werden kann?

Ich denke schon und bin vielleicht auch das beste Beispiel dafür, aber diese Antwort würde vielen Menschen vielleicht nicht genügen, deshalb wäre es wichtig, in die Vergangenheit der Stadt Wien zu schauen, wo es stets Wiener gab, das heißt österreichische Staatsbürger, die einen tschechischen Namen hatten und mit tschechischem Akzent sprachen, die aber in ihren Herzen Tschechen blieben.

Was inspiriert Sie beim Erschaffen des Charakters der Protagonisten Ihrer Bücher am meisten?

Es sind reale Charakter, Menschen, die ich treffe, mit denen ich etwas zu tun habe, von denen ich viel gelernt habe, an denen ich so viel beobachten konnte. Die Auswahl des Charakters hängt natürlich von der Art der Geschichte ab, von den Geschichten, die oft völlig unterschiedlich sind.

https://soundcloud.com/user-279815505/die-leseprobe-3-aus-dem-buch-farben-der-zukunft-von-stanislav-struhar

Das Buch Farben der Zukunft ist über diesen Link erhältlich.

Interview: Kristýna Štočková

Übersetzung: Marie Zajíčková, Tobias Hansen

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