80 Jahre und ein Tag nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand am 9. Mai 2025 die Premiere von "Nebelkind" statt. Mit dem Film zeigt die tschechisch-österreichische Regisseurin Tereza Kotyk eindrücklich, wie Kriegsgewalt auch nachfolgende Generationen prägen kann. Im Anschluss sprach sie über ihre persönlichen Beweggründe für die filmische Umsetzung und plädierte für die Aufarbeitung von Traumata.
"Viele Menschen sagen, man soll die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen. Aber ohne Aufarbeitung der vererbten Traumata wird sie nicht ruhen", sagt Tereza Kotyk im Publikumsgespräch nach der Premiere ihres zweiten Langfilms "Nebelkind" im ausverkauften Wiener Votivkino. Inspiriert hat die in Prag geborene und in Österreich aufgewachsene Regisseurin und Drehbuchautorin ihre eigene Familiengeschichte, konkret: das restituierte Haus ihrer Urgroßmutter in Nordmähren. Daher sollte der Film auch ursprünglich "Das Auenhaus" heißen. Doch letztendlich habe sie sich für einen Titel entschieden, der das über Generationen vererbte Leid besser zum Ausdruck bringe, so Kotyk.
"Nebelkinder" lautet der Begriff, mit dem die moderne Psychologie Kriegskinder und mittlerweile auch Kriegsenkel bezeichnet, die bewusst oder unbewusst vergangene Traumata übernommen haben. Diese können sich massiv auf ihre Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung auswirken und sind für die Betroffenen häufig nicht zu erklären. Die Einschränkungen sind unterschiedlich ausgeprägt, gewisse Merkmale und Verhaltensmuster wiederholen sich aber: "Viele haben unerklärliche Ängste und Blockaden. Ihnen gelingt es nicht, anzukommen, immer wieder wechseln sie den Arbeitsplatz, ihre Beziehungen brechen schnell wieder auseinander. Zudem kämpfen Kriegsenkel oft mit Selbstzweifeln und fühlen sich wertlos. Und viele haben auch keine Kinder", sagt Kotyk.
Wie ferngesteuert
Einige dieser typischen Merkmale und Muster tragen auch die Protagonistinnen des Films "Nebelkind" in sich. Dabei kontrastieren die poetischen Bilder stark mit den wie ferngesteuert handelnden Frauen.
Erst mit der Begegnung im enteigneten und später restituierten Haus der Großmutter Viktoria (Susanne Michel) im heutigen Tschechien, erkennen Mutter Miriam (Klára Melišková) und ihre Tochter Hannah (Jeanne Werner), beide schon längst in Österreich beheimatet, woher ihre Verletzungen auf psychischer wie physischer Ebene herrühren. Die furchtbaren Erlebnisse der Großmutter im und nach dem Zweiten Weltkrieg – Erniedrigung, Enteignung, Vergewaltigung – wurden totgeschwiegen und gerade dadurch am Leben gehalten. Der Ort des Geschehens, an dem nun die Mutter und ihre Tochter, die sehr zurückgezogen lebende Wolfshüterin Hannah, eher zufällig als gewollt aufeinandertreffen, wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Endlich beginnt sich das ebenso diffuse wie unerklärliche Gefühl langsam aufzulösen, der Nebel lichtet sich.
Vererbte traumatische Erlebnisse können auch sehr konkret zum Ausdruck kommen, etwa in realistischen Kriegsträumen oder in Form von Schmerzen oder als ein bestimmter Gewaltakt, der genauso an die Kinder weitergegeben wird. Diese Art von vererbtem Körpergedächtnis ist auch im Film in beklemmender Weise zu sehen. "Werden Traumata nicht aufgearbeitet, können sie nicht heilen und werden über mehrere Generationen weitergegeben. Die Wissenschaft sagt, es kann bis zu sieben Generationen dauern", sagt Kotyk.
Innere Stärke und Freiheitswillen
Im Publikum mehren sich die Stimmen jener, die sich selbst als "Nebelkinder" erkennen, manche überrascht, manche betroffen, manche erleichtert, endlich einen Erklärungsansatz für die großen Fragezeichen in ihrem Leben gefunden zu haben. Ein Trauma, so Tereza Kotyk, kann auch eine positive Seite haben: "Wer ein Nebelkind ist, verfügt meist über eine große innere Stärke und auch eine Art von Freiheitswillen, die andere Menschen vielleicht nicht so ausgeprägt haben." Diese Menschen seien nicht so sehr von anderen abhängig und sie hätten die Gabe, schnell wieder aufzustehen und nicht aufzugeben. Als Metapher dafür steht im Film der Wolf.
"Nebelkind" läuft jetzt im Kino – unbedingt ansehen!
Die Luxemburgerin Jeanne Werner spielt die Wolfshüterin Hannah, die tschechische Schauspielerin Klára Melišková ihre Mutter Miriam, und Großmutter Viktoria wird von der Österreicherin Susanne Michel verköpert. Am Set wurde Deutsch, Tschechisch und Englisch gesprochen.