Begegnungen beim CZ-AT [tʃæt] mit Michael Stavarič in der Wiener Herrengasse – eine literarische Veranstaltung, die das Tschechische Zentrum Wien bereits im dritten Jahr mitorganisiert und zu der ich dieses Jahr als Gast eingeladen wurde, um meinen neuen Kriminalroman Die Spur der Kälte zu präsentieren. Ein Abend voller Worte, Erinnerungen und geteilter Erfahrungen.
Iva Procházková, 16. 06. 2025
Es gibt Orte, an denen ich gerne bin, weil sie es geradezu verlangen. Und es gibt Orte, an denen ich schwere Zeiten durchlebt habe – und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, bin ich auch dort gerne. Wien gehört zu beiden Kategorien.
Als ich im Jahr 1983 mit meinem Mann und zwei Kindern zum ersten Mal den Wiener Boden betrat (Das muss ein Irrtum sein – ist das wirklich schon so lange her?), herrschte ein bitterkalter Winter. Vom Donauufer schlich Nebel heran, ein eisiger Wind blies, und die grauen Fassaden der Mietshäuser musterten unsere Flüchtlingsfamilie mit spürbarem Desinteresse. Die gemütliche Prager Wohnung, die wir zurückgelassen hatten, schien uns durch den Stacheldraht hindurch die Zunge herauszustrecken. „Das ist eure Entscheidung“, rief sie gekränkt. „Dann macht euch mal einen schönen Aufenthalt!“
Heimat und Rückhalt im Reich des Wortes
Es war unsere Entscheidung. Und wir haben sie gelebt – mit vollen Zügen. Mit all der Bitterkeit, durch die jeder Mensch gehen muss, der seine Heimat verlässt; mit dem Unerwarteten, das das Schicksal obendrein bereithält; und mit der sehnsüchtigen Wehmut nach dem Zuhause, die nicht geringer wird, nur weil man es freiwillig hinter sich gelassen hat.
Doch wir begegneten auch vielen Gesten der Offenheit und des Mitgefühls. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Kollegialität österreichischer Autorinnen, Autoren und all jener, die zum Reich des Wortes gehören – des geschriebenen, gelesenen und gesprochenen.
Es gab vieles, womit uns Wien für sich gewinnen konnte. Trotz gelegentlicher Launen, Schrullen und Kaprizen (sagen Sie mir, welche Primadonna hat die nicht?) war stets der schöpferische Geist zu spüren – der Geist von Schnitzler, Torberg, Kisch, Zweig, Werfel, Ingeborg Bachmann und all derer, die diese Stadt inspiriert hat und die wiederum ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger inspirierten.
Nach Wien – nur noch zu Besuch
Mit der Zeit haben uns das Leben und die Arbeit an andere Orte verweht, und schließlich – ein paar Jahre nach der Samtenen Revolution – entschieden wir uns zur Rückkehr dorthin, wo wir (wie Jan Werich das Zuhause nannte) als Kinder Murmeln gespielt hatten. Nach Wien kamen wir nur noch zu Besuch. Und jeder dieser Besuche war auf irgendeine Weise mit Literatur verbunden. Mal war es eine Buchmesse, mal eine Lesung aus dem Thriller Die Residentur (Nekompromisně), dann wieder die Taufe meiner Krimireihe mit Kommissar Holina (1. Fall: Der Mann am Grund) oder eine Einladung an die Komensky-Schule zu einem Gespräch mit Jugendlichen über meinen Jugendroman Nazí (Die Nackten).
Über Emigration, das verschneite Prag und ein Milliardenlos
Auch diesmal war es nicht anders. Ich erhielt eine Einladung vom Tschechischen Zentrum Wien, als Gast der literarischen Reihe CZ-AT [tʃæt] gemeinsam mit Michael Stavarič aufzutreten – im Rahmen einer Veranstaltung in den Räumen der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, die Kooperationspartner des Abends war.
Natürlich nahm ich die Einladung gerne an. Persönlich hatten wir uns bisher noch nie begegnet, aber ich kannte viele seiner Bücher und hatte das Gefühl, dass uns manche Themen verbinden. Ich wusste auch, dass er – wie ich – mit einem Teil seines Werks Kinder anspricht. Seine Sprache gefiel mir, ebenso wie die Übersetzungen seiner Bücher ins Tschechische – sei es von Radka Denemarková oder Michaela Škultéty.
Mir war bekannt, dass Michaels Schicksal – ähnlich wie meines – durch die Emigration geprägt wurde, ebenso wie durch das damit verbundene Gefühl innerer Zerrissenheit. Im Unterschied zu mir war Michael jedoch „emigriert worden“. Als siebenjähriges Kind hatte er keine Wahl – die Weichen stellte das Leben bzw. stellten seine Eltern. Österreich wurde ihm im Laufe der Zeit tatsächlich zur Heimat, und Deutsch zu der Sprache, in der er denkt und schreibt. Und vermutlich auch träumt – das habe ich leider vergessen zu fragen.
Die Dynamik und Stimmung eines Bühnengesprächs zwischen zwei Menschen lässt sich selten vorhersagen. Michael hatte für unsere Begegnung ein eigenes, originelles Format entwickelt, das er bereits mit anderen Autorinnen und Autoren erprobt hatte. Es ging dabei nicht in erster Linie um die Vorstellung eines neuen Buches – obwohl auch die frisch erschienene österreichische Ausgabe meines Romans Dívky nalehko (Die Spur der Kälte) an diesem Abend ihren Raum bekam.
Der Roman ist in einem adventlichen, verschneiten Prag angesiedelt und handelt nicht nur von einem verlorenen Lottoschein mit einem Milliardengewinn, sondern auch von der Suche nach der eigenen Identität – sei es die einer jungen Vietnamesin aus Prag oder eines Ingenieurs, der nicht rechnen kann und an Märchen glaubt.
Doch was Michael Stavarič im Gespräch vor allem unternahm, war eine Art Geländeerkundung: eine Rekognoszierung des inneren Raums, aus dem das Schreiben erwächst. Ein Entdecken jener Haltestellen, Wartesäle und Bahnsteige, an denen das Leben eine neue Richtung eingeschlagen hat – und die sich schließlich im Denken und in der künstlerischen Arbeit widerspiegeln.
Abschluss bei inspirierendem Wein, wie es sein soll
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der ÖGL, Manfred Müller, und den einleitenden Worten von Sandra Dudek vom Tschechischen Zentrum Wien tauchten wir in das Gespräch ein, das Michael routiniert steuerte und mit natürlicher Selbstverständlichkeit mich und die Zuhörerinnen und Zuhörer durch den gesamten Abend führte.
Auf das offizielle Programm folgten persönliche Begegnungen und Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern bei einem Glas Wein. Dabei entstanden mehrere bemerkenswerte Lebens- und Familiengeschichten – außergewöhnlich und inspirierend. Diese Begegnungen bestärkten mich in dem Gefühl, dass das Überschreiten von Grenzen – in jeglicher Bedeutung des Wortes – zwar oft riskant und dramatisch ist, am Ende aber immer bereichernd.
Wien hat nicht enttäuscht. Ich habe erneut bestätigt bekommen, dass es ein Ort ist, den ich wirklich liebe.
Iva Procházková, 16. Juni 2025