Havels Worte in Davos

27. 1. 2026
Havels Worte in Davos

Die Worte von Václav Havel wurden vom kanadischen Premier Mark Carney während seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum zitiert. Carney warnte in Davos mit einem Auszug aus Havels Essay „Die Macht der Machtlosen” vor einem Leben in Lüge und betonte, dass die Wiederherstellung eines internationalen Systems, das auf für alle geltenden Werten und Regeln basiert, nur möglich ist, wenn wir uns den Zusammenbruch der alten Ordnung eingestehen.

Vor dem Hintergrund der ständig wachsenden Unsicherheit in den internationalen Beziehungen richtete sich die Aufmerksamkeit der Weltmedien und der Öffentlichkeit Anfang 2026 auf das Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos. Dort treffen sich jedes Jahr nicht nur PolitikerInnen aus der ganzen Welt, sondern auch ÖkonomInnen, JournalistInnen und Intellektuelle, die sich mit den Problemen der heutigen Welt befassen. Unter all den dringlichen Reden stach die Rede des kanadischen Premiers Mark Carney hervor, durch die auch ein tschechischer Nachlass auf das WEF gelangte.

Carney interpretierte in seiner Rede die Gedanken, die Václav Havel vor fast fünfzig Jahren in seinem Essay „Die Macht der Machtlosen“ verewigt hatte. Das ausländische und tschechische Publikum erkannte darin deutlich die Zeitlosigkeit von Havels Philosophie und die Kraft, mit der seine Worte nicht nur in intellektuellen Kreisen, sondern auch unter den heutigen SpitzenpolitikerInnen nachhallen. Der kanadische Premier fasste Havels Erklärung zusammen, warum das schwächelnde kommunistische Regime seine Macht weiterhin aufrechterhalten konnte – es beginnt mit einem Gemüsehändler, der, obwohl er längst nicht mehr an die kommunistischen Ideale glaubt, täglich ein Schild mit der Aufschrift „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ in seinem Schaufenster ausstellt. Für ihn ist das nichts weiter als eine sinnlose Phrase, aber ihre lautstarke Wiederholung schützt ihn als Einzelnen vor Verfolgung. Auf diese Weise verleihen Menschen, die ein Leben in Lüge führen, einem Regime scheinbare Macht, die es objektiv längst verloren hat.

Auch wenn es den Anschein haben mag, dass Havel mit seinem Ausspruch „Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Hass siegen“ nur eine weitere großspurige Phrase als Alternative anbietet, gibt er uns in Wirklichkeit eine Anleitung für den Alltag. Er malt nicht nur ein optimistisches Bild der Zukunft, sondern fordert den Menschen-Bürger auf, dies bei seinen täglichen Aktivitäten zu berücksichtigen, denn nur so kann ihr Sinn erfüllt werden. 

Und so versteht Carney Havels Worte – er fordert uns auf, die Schilder aus unseren Schaufenstern zu entfernen und aufzuhören, das machtlose Regime der gegenwärtigen internationalen Ordnung am Leben zu erhalten, nur weil es für uns der einfachere Weg ist. Er drängt darauf, dass nicht nur die sogenannten middle powers, also mittelgroße Mächte wie Kanada, sondern alle demokratischen Staaten anerkennen, dass die durch das Völkerrecht aufrechterhaltene Weltordnung zerfallen ist.

Doch genau wie Havel sein Publikum nach dem Abreißen der Brücken nicht vor einer bodenlosen Kluft stehen lässt, präsentiert auch Carney den Entwurf einer neuen Brücke, die auf einem stärkeren Fundament errichtet ist. Er erniedrigt nicht, wie viele heute, die grundlegenden Ideale und Werte, auf denen das derzeitige internationale System aufgebaut ist, weil er sich ihrer Rolle beim Aufbau einer objektiv friedlicheren und prosperierenderen Welt bewusst ist. Allerdings nicht einer perfekten Welt, die unseren frommen Wünschen entspricht. Laut Carney muss man sie zwar so akzeptieren, wie sie ist, aber das bedeutet nicht, dass man die Bemühungen um ihre Verbesserung aufgeben muss.

Carneys Rat lautet daher: „Wir sollten das aufbauen, woran wir glauben, anstatt auf die Wiederherstellung der alten Ordnung zu warten. […] Nostalgie ist keine Strategie, aber wir glauben, dass wir aus den Trümmern etwas Größeres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können.“ Und das kann uns seiner Meinung nach nur gelingen, wenn wir unsere eigenen wirtschaftlichen Kapazitäten stärken und die Beschränkungen des gegenseitigen Handels und der Zusammenarbeit beseitigen. Wenn die Demokratien dies schaffen, werden sie in der Lage sein, ihre Werte durch effektivere und stärkere internationale Abkommen und Institutionen zu unterstützen.

So erinnert Václav Havel die Welt auch nach fast fünfzig Jahren daran, dass man die Wahrheit auch dann zugeben muss, wenn sie unangenehm ist, denn die Lüge – auch wenn sie scheinbar gnädig sein mag – nährt noch größere Lügen, Ungerechtigkeit und Unrecht. Und wenn die Gesellschaft sie als ihre eigenen annimmt, wird sie letztendlich gezwungen sein, sie gedankenlos in ihren Schaufenstern auszuhängen, so wie der Gemüsehändler dieses leere proletarische Motto.

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